Vom Mitgefühl zur konkreten Hilfe
[Namen geändert]
Wie eine Familie in Neu-Ulm ihr Zuhause fand – weil eine andere Familie selbstlos für sie einstand
Als Familie Türkmen 2024 in einer Gemeinschaftsunterkunft der Regierung von Schwaben in Neu-Ulm lebt, ist von Ankommen keine Rede. Die kurdische Familie aus der Türkei – zwei Eltern, zwei kleine Kinder – steckt fest. In der Unterkunft begegnen andere Bewohner:innen der Mutter aggressiv, teils fast gewaltbereit. Die Situation belastet die gesamte Familie so stark, dass sich die Mutter an das Psychosoziale Zentrum für traumatisierte Geflüchtete in Neu-Ulm wendet, mit dem Lebenswert e.V. eine Kooperation unterhält. Eines der Kinder besucht das Kinderhaus von Lebenswert e.V. und immer wieder kommt die Familie ins Begegnungscafé des Vereins – um Deutsch zu lernen, um rauszukommen, um durchzuatmen.
Dort lernt sie Familie Bauer kennen.
Die beiden Familien kommen ins Gespräch, die Kontakte werden enger. Familie Bauer erfährt, unter welchem Druck Familie Türkmen steht. In der Unterkunft spitzt sich die Lage weiter zu – irgendwann muss die Polizei gerufen werden. So kann es nicht weitergehen.
Dann wird die Nachbarwohnung von Familie Bauer frei. Und plötzlich steht eine Möglichkeit im Raum, die vorher undenkbar schien.
Doch der Weg zur Wohnung ist alles andere als einfach. Die Vermieterin hat Vorbehalte. Eine geflüchtete Familie als neue Mieter:innen? Sie will Sicherheit, Garantien – mehr als das, was Familie Türkmen in ihrer Situation bieten kann. Es folgen Gespräche, Erklärungen, viel Schriftverkehr mit den Behörden.
Dann entschließt sich Familie Bauer zu einem ungewöhnlichen Schritt: Ihr Glaube an Nächstenliebe wird greifbar, ihre Überzeugung, dass man füreinander einsteht, wird zur Tat: Familie Bauer mietet die Wohnung auf eigenes Risiko an – und vermietet sie an Familie Türkmen unter. Eine junge Familie verbürgt sich für eine andere junge Familie.
Das Team von WoFA begleitet die Familien durch den gesamten Prozess – bei den Behördengängen, im Kontakt mit der Vermieterin, bei der Organisation des Umzugs. Die Vermieterin lässt sich überzeugen: von der Entschlossenheit der einen und von der Not der anderen Familie. Familie Türkmen erhält die Auszugserlaubnis aus der Gemeinschaftsunterkunft und darf in ihr neues Heim einziehen.
Mit dem Einzug beginnt ein neues Kapitel – aber auch eine neue Aufgabe: der Wohnungserhalt. Gegenüber der Regierung von Schwaben muss die Familie regelmäßig nachweisen, dass sie die Miete selbst finanzieren kann. Ein fortwährender Papierkrieg, bei dem Haupt- wie Ehrenamtliche vom WoFA-Team eng an der Seite der Familie stehen.
Durch einen Krippenplatz im Kinderhaus kann die Mutter mehr arbeiten. Der Vater macht eine Ausbildung zum Altenpfleger. Familie Bauer hilft im Alltag – sichtet Post, gibt Orientierung, ist einfach da. Das Netzwerk von WoFA greift: Kinderbetreuung, Beratung, Unterstützung bei der Arbeitssuche – alles Bausteine, die den Erhalt der Wohnung sichern.
Familie Bauer sagt heute: „Uns hat die Situation der Familie Türkmen sehr belastet und wir sind sehr froh, dass wir hier helfen können. Die Kinder und die Eltern haben so sehr von der Wohnung und der nachfolgenden Integration profitiert. Wir sind gute Freunde geworden. Es vergeht kein Tag, an dem wir uns nicht sehen.“