Die Queen von Ingolstadt

WIE VIER TASSEN GLÜCK EIN NEUES ZUHAUSE ERZÄHLENWie vier Tassen Glück ein neues Zuhause erzählen

WoFA-Beraterin Tina Eichmann berichtet vom Standort Ingolstadt

Manchmal verändert ein einziger Moment alles. Der Moment, in dem jemand begreift: Ich muss mich nicht dem Schicksal ergeben. Ich kann etwas tun. Diesen Moment erlebe ich in der Beratung immer wieder – und jedes Mal berührt er mich aufs Neue.

So auch bei einer alleinerziehenden Frau mit afrikanischem Migrationshintergrund, die mich Ende Januar 2026 kontaktierte. Seit zwei Jahren lebte sie in einer Notunterkunft. Als sie sich bei mir meldete, klang sie verzweifelt.

Ihre Sprachnachricht war kurz und ging mir daher nahe: „If you could help me with the house, I would be very happy. I need to move out here.“

Also legten wir los. Wir beantragten gemeinsam den Wohnberechtigungsschein. Zwischendurch wurde sie unsicher – alle Unterlagen waren eingereicht, die Gebühr bezahlt, aber vom Wohnungsamt kam einfach kein Bescheid. Trotzdem wollte sie am Ball bleiben. Sie wollte die Abläufe verstehen, auch wenn vieles neu und fremd für sie war. Und sie freute sich über meine Begleitung auf ihrem Weg.

Als der Bescheid endlich kam, half mein Kollege Johannes Schweizer ihr mit dem Online-Portal der Wohnungsbaugesellschaft. Am 18. Februar kam der erste Wohnungsvorschlag. Sie bekundete sofort Interesse und vereinbarte einen Besichtigungstermin.

Und dann? Dann begann das Glück, sich zusammenzufügen – Stück für Stück.

# Glück Nr. 1: Der Zeitungsblick

Der Besichtigungstermin stand. Ich ging davon aus, dass sie mit dem Bus kommen würde. Zufällig warf ich an diesem Morgen einen Blick in die Zeitung – und las, dass die öffentlichen Verkehrsbetriebe streikten! Eine kurze Abstimmung, schnelle Lösung: Ich holte sie ab, sodass wir glücklicherweise rechtzeitig an der Wohnung waren. Manchmal braucht es eben nicht nur gute Beratung, sondern auch einen glücklichen Blick in die Zeitung.

# Glück Nr. 2: Die Wohnung mit Herz

Die Besichtigung war unglaublich. Die Wohnungsbaugesellschaft lässt die bisherigen Mieter:innen die Termine durchführen. Und diese Mieterin war ein Glücksfall: freundlich, offen, großzügig. Sie zeigte alles – Keller, Dachboden, jedes Detail. Erklärte geduldig alle Abläufe mit der Wohnungsbaugesellschaft. Und bot sogar an, einige ihrer Möbel in der Wohnung zu lassen. Die Wohnung war tipp-topp.

Unsere Klientin war sofort begeistert. Sie wollte diese Wohnung unbedingt haben. Wir alberten herum und malten uns aus, wie schön es wäre, wenn sie hier einziehen könnte. Wenn sie die „Queen“ dieser Wohnung wäre. Mit viel Hoffnung und ein paar Träumen verließen wir die Besichtigung – im Wissen, dass auch andere Menschen genau diese Hoffnung teilten.

# Glück Nr. 3: Die Zusage

Und dann die Nachricht: Sie hat die Zusage bekommen.

Die Schlüsselübergabe fand am 28. Februar statt. Ein Mitarbeiter der Wohnungsbaugesellschaft war da, um die Unterlagen fertig zu machen. Die bisherige Mieterin und ihr Partner machten die Übergabe. Der Hausmeister tauschte das Schloss, erklärte die Technik und erledigte letzte kleine Reparaturen. Die „Queen“ und ihre Bienen – alle waren da, alle halfen mit.

# Glück Nr. 4: Mehr als eine leere Wohnung

Die bisherige Mieterin überließ ihr für wenig Geld eine erstaunliche Menge an Einrichtung: Schrank, Lampen, Rollos, Regale, Tisch, Stühle, Fernseher, Matratze, Kochplatten, eine komplette Einbauküche mit Geräten, Teetassen, Waschmaschine, Trockner, Badmöbel. Die „Queen“ zog nicht in eine leere Wohnung ein – sie zog in ein Zuhause.

# Der Tanz in die eigenen vier Wände

Als schließlich alle gegangen waren – bis auf ihre Freundin und mich – gingen wir noch einmal in die Wohnung. Nein, „gehen“ ist das falsche Wort. Die „Queen“ *tanzte* in ihre Wohnung. Sie war so unfassbar glücklich, endlich ein eigenes Zuhause zu haben. Sie hat ihr Glück ausgekostet und ausgelebt – und es war wunderschön, das miterleben zu dürfen.

Ihre Freundin überreichte ihr ein Einzugsgeschenk: eine Tasse und, wie es in ihrem Heimatland Tradition ist, einen farblich passenden Salz- und Pfefferstreuer. Als die „Queen“ dann einen Küchenschrank öffnete, kamen zufällig Tassen zum Vorschein, die die bisherige Mieterin dagelassen hatte – und sie passten farblich perfekt zu dem Geschenk. Alles fügte sich zusammen wie Puzzleteile.

Vier Tassen stehen jetzt auf einem Regal in der neuen Wohnung. Für mich stehen sie für Glück 1, Glück 2, Glück 3 und Glück 4. Und ich wünsche mir, dass die „Queen“ noch ganz viel Glück daraus schöpfen kann. Oder besser gesagt: daraus trinken.

Tina Eichmann, WoFA Ingolstadt

Vom Mitgefühl zur konkreten Hilfe

Vom Mitgefühl zur konkreten Hilfe

[Namen geändert]

Wie eine Familie in Neu-Ulm ihr Zuhause fand – weil eine andere Familie selbstlos für sie einstand

Als Familie Türkmen 2024 in einer Gemeinschaftsunterkunft der Regierung von Schwaben in Neu-Ulm lebt, ist von Ankommen keine Rede. Die kurdische Familie aus der Türkei – zwei Eltern, zwei kleine Kinder – steckt fest. In der Unterkunft begegnen andere Bewohner:innen der Mutter aggressiv, teils fast gewaltbereit. Die Situation belastet die gesamte Familie so stark, dass sich die Mutter an das Psychosoziale Zentrum für traumatisierte Geflüchtete in Neu-Ulm wendet, mit dem Lebenswert e.V. eine Kooperation unterhält. Eines der Kinder besucht das Kinderhaus von Lebenswert e.V. und immer wieder kommt die Familie ins Begegnungscafé des Vereins – um Deutsch zu lernen, um rauszukommen, um durchzuatmen.

Dort lernt sie Familie Bauer kennen.

Die beiden Familien kommen ins Gespräch, die Kontakte werden enger. Familie Bauer erfährt, unter welchem Druck Familie Türkmen steht. In der Unterkunft spitzt sich die Lage weiter zu – irgendwann muss die Polizei gerufen werden. So kann es nicht weitergehen.

Dann wird die Nachbarwohnung von Familie Bauer frei. Und plötzlich steht eine Möglichkeit im Raum, die vorher undenkbar schien.

Doch der Weg zur Wohnung ist alles andere als einfach. Die Vermieterin hat Vorbehalte. Eine geflüchtete Familie als neue Mieter:innen? Sie will Sicherheit, Garantien – mehr als das, was Familie Türkmen in ihrer Situation bieten kann. Es folgen Gespräche, Erklärungen, viel Schriftverkehr mit den Behörden.

Dann entschließt sich Familie Bauer zu einem ungewöhnlichen Schritt: Ihr Glaube an Nächstenliebe wird greifbar, ihre Überzeugung, dass man füreinander einsteht, wird zur Tat: Familie Bauer mietet die Wohnung auf eigenes Risiko an – und vermietet sie an Familie Türkmen unter. Eine junge Familie verbürgt sich für eine andere junge Familie.

Das Team von WoFA begleitet die Familien durch den gesamten Prozess – bei den Behördengängen, im Kontakt mit der Vermieterin, bei der Organisation des Umzugs. Die Vermieterin lässt sich überzeugen: von der Entschlossenheit der einen und von der Not der anderen Familie. Familie Türkmen erhält die Auszugserlaubnis aus der Gemeinschaftsunterkunft und darf in ihr neues Heim einziehen.

Mit dem Einzug beginnt ein neues Kapitel – aber auch eine neue Aufgabe: der Wohnungserhalt. Gegenüber der Regierung von Schwaben muss die Familie regelmäßig nachweisen, dass sie die Miete selbst finanzieren kann. Ein fortwährender Papierkrieg, bei dem Haupt- wie Ehrenamtliche vom WoFA-Team eng an der Seite der Familie stehen.

Durch einen Krippenplatz im Kinderhaus kann die Mutter mehr arbeiten. Der Vater macht eine Ausbildung zum Altenpfleger. Familie Bauer hilft im Alltag – sichtet Post, gibt Orientierung, ist einfach da. Das Netzwerk von WoFA greift: Kinderbetreuung, Beratung, Unterstützung bei der Arbeitssuche – alles Bausteine, die den Erhalt der Wohnung sichern.

Familie Bauer sagt heute: „Uns hat die Situation der Familie Türkmen sehr belastet und wir sind sehr froh, dass wir hier helfen können. Die Kinder und die Eltern haben so sehr von der Wohnung und der nachfolgenden Integration profitiert. Wir sind gute Freunde geworden. Es vergeht kein Tag, an dem wir uns nicht sehen.“

Diskriminierungsfrei – Chancen für alle

Ein Vermieter lebt Weltoffenheit: Die Geschichte von Herrn Bernfeld

Integration durch Vertrauen – ein Praxisbeispiel aus der Wohnungsvermittlung

Diskriminierung kennt Herr Bernfeld aus eigener Erfahrung. Als er 1993 seine erfolgreiche Holzfirma mit zehn Mitarbeitenden in Indien aufgab und nach Deutschland kam, begegneten ihm Vorurteile. Der Neuanfang in München war herausfordernd: eine fremde Sprache, andere Gepflogenheiten, anfängliche Hürden. Doch Herr Bernfeld ließ sich nicht entmutigen. Bis 2021 führte er in seiner neuen Heimat Bayern ein eigenes Unternehmen – ein Beleg für gelungene Integration durch Beharrlichkeit und Offenheit.

Von der Unternehmensführung zur sozialen Verantwortung

Seit 2014 hat Herr Bernfeld eine neue Passion entdeckt: den Immobilienmarkt. Er kauft Gebäude, renoviert sie eigenständig und vermietet die Wohnungen – ohne externe Dienstleister, alles in eigener Regie. Mittlerweile betreut er vier Objekte, und die anfallenden Aufgaben sieht er nicht als Last, sondern als Berufung.

Doch für ihn geht es um mehr als Rendite. Als Vermieter versteht er jedes Mietverhältnis als Chance, Brücken zu bauen. Seine eigene Migrationsgeschichte hat ihn sensibilisiert: Er weiß, wie wichtig Vertrauen und Fairness sind – gerade für Menschen, die neu in Deutschland sind.

Zusammenarbeit mit WoFA: Unkompliziert und wirkungsvoll

Über die Wohnungsvermittlung von WoFA hat Herr Bernfeld bereits vier Wohnungen erfolgreich vermietet. Die Zusammenarbeit beschreibt er als einfach und unkompliziert. Besonders schätzt er, dass WoFA seine Klienten nicht nur bei der Wohnungssuche unterstützt, sondern auch vorbereitet: Der angebotene Mietkurs vermittelt praktisches Wissen – von der Mülltrennung bis zu Rechten und Pflichten im Mietverhältnis. Er schätzt, dass WoFA auch während des Mietverhältnisses kompetenter Ansprechpartner bei eventuellen Schwierigkeiten mit den Mieter:innen bleibt und vermittelnd zur Seite steht.

Herr Bernfeld selbst bringt seinen Mietern unterschiedlichster Nationalitäten Geduld und Verständnis entgegen. Er gibt Tipps, erklärt deutsche Gewohnheiten und steht bei Fragen zur Verfügung. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Das längste Mietverhältnis mit einem WoFA-Klienten besteht bereits seit über zwei Jahren – ein Zeichen für gegenseitiges Vertrauen und erfolgreiche Integration.

Ein authentisches Vorbild

Im WoFA-Film aus dem Jahr 2024 gewähren wir einen persönlichen Einblick in unsere Arbeit. Herr Bernfeld ist dort zu sehen – kein Superman, sondern ein authentischer, eher zurückhaltender Mensch.

Gerade diese Echtheit macht ihn zu einem glaubwürdigen Vorbild: Integration gelingt nicht durch große Gesten, sondern durch alltägliche Menschlichkeit.

Weltoffenheit öffnet Türen

Das Beispiel von Herrn Bernfeld zeigt eindrucksvoll: Unvoreingenommenheit ist keine Utopie, sondern praktisch lebbar. Wer Menschen mit Offenheit begegnet statt mit Vorbehalten, schafft Chancen – für beide Seiten.

Seine Geschichte ist ein Appell an uns alle: Lassen wir uns nicht von Herkunft oder Hintergrund leiten, sondern von Vertrauen und Fairness. Denn eine Gesellschaft mit offenen Herzen und Türen ist möglich – Schritt für Schritt, Wohnung für Wohnung, Mensch für Mensch.

Herr Bernfeld ist einer von vielen Vermietern, die mit WoFA zusammenarbeiten und Integration durch Wohnraum ermöglichen. Sein Engagement zeigt: Diskriminierungsfreie Wohnungsvergabe ist nicht nur möglich, sondern bereichert alle Beteiligten.

Halas Weg in ein neues Zuhause

Von der Unterkunft ins eigene Heim – wie Gemeinschaft Türen öffnet

Es ist ein sonniger Sonntagmorgen, kurz vor 10 Uhr. In der evangelischen Pauluskirche Kaufering füllen sich langsam die Bänke. Unter den Besuchern eine Frau, deren Gesicht vor Freude strahlt: Hala ist gekommen, um mitzufeiern – und um Danke zu sagen. Danke dafür, dass sie durch das Netzwerk der Kirchengemeinde endlich ein eigenes kleines Zuhause gefunden hat.

Ein langer Weg voller Hoffnung

Hala ist 52 Jahre alt und kam vor zwei Jahren allein aus Syrien nach Deutschland. Was folgte, war eine Zeit des Wartens und der Ungewissheit. Doch Hala nutzte diese Zeit: Sie besuchte den A2-Deutschkurs und nahm an einem Empowerment-Programm teil, das Frauen mit Migrationshintergrund in ihrer beruflichen Qualifikation stärkt. Dort hörte sie zum ersten Mal vom WoFA-Projekt Kaufering – ein erster, wichtiger Kontakt.

Nach ihrer Anerkennung suchte Hala die Beratung bei WoFA auf. Sie absolvierte verschiedene Praktika, engagierte sich ehrenamtlich im Second-Hand-Laden – eine aufgeschlossene, gebildete Frau voller Tatendrang. Doch die Wohnungssuche erwies sich als nahezu aussichtslos.

Zwischen Verzweiflung und Hoffnung

In der großen Flüchtlingsunterkunft des Landkreises Landsberg teilte sich Hala mit mehreren Mitbewohnerinnen ein einziges Zimmer. Die beengte Wohnsituation ließ sie manchmal verzweifeln. Sie sehnte sich so sehr nach Ruhe, nach Ordnung, nach einem achtsamen Miteinander – nach einem Ort, den sie ihr Zuhause nennen könnte.

Café Paula: Wo Begegnung möglich wird

Auf der Suche nach Gemeinschaft entdeckte Hala das Café Paula – ein offenes Angebot in der Pauluskirche Kaufering, bei dem sich Menschen aller Kulturen und Religionen bei Kaffee, Tee und Gebäck begegnen können. Hier, mitten im Ort, fand Hala genau das, wonach sie sich gesehnt hatte: echte Begegnung, herzliche Gespräche, erste Kontakte in die Kirchengemeinde hinein. Menschen schlossen sich zusammen, um ihr Gottesdienstbesuche zu ermöglichen: Hala wurde aus der Unterkunft nach Kaufering abgeholt und nach dem Gottesdienst wieder zurückgefahren.

Wenn aus Hilfe Freundschaft wird

Bei WoFA erfuhren wir zudem eines Tages voller Freude: In der Kirche hatte sich ebenso ein Netzwerk von Menschen zusammengefunden, die Hala bei der Wohnungssuche helfen wollten. Und dann fügte sich Schritt für Schritt, was vorher unmöglich schien: Durch persönliche Kontakte erhielt Hala in diesem Sommer ein Wohnungsangebot.

Mit Unterstützung von WoFA, der Behörde und engagierten Ehrenamtlichen gelang ihr der ersehnte Umzug – hinaus aus der Unterkunft, hinein in ein eigenes, kleines, privates Zuhause.

Ein neues Kapitel beginnt

Und heute, an diesem Sonntagmorgen in der Pauluskirche, wird deutlich: Der Kontakt ist geblieben. Hala besucht weiterhin regelmäßig das Café Paula und die Gottesdienste. Denn aus den ersten Hilfsangeboten sind herzliche Beziehungen gewachsen – Beziehungen, die tragen und die bleiben.

Halas Geschichte zeigt: Wenn Menschen einander mit Offenheit begegnen, wenn Netzwerke Hand in Hand arbeiten und wenn aus Hilfe echte Gemeinschaft wird, dann werden Türen geöffnet. Nicht nur zu einer Wohnung – sondern zu einem neuen Leben in Würde und Geborgenheit.

Diese Geschichte verdeutlicht eindrucksvoll, wie das Zusammenspiel von professioneller Beratung (WoFA), ehrenamtlichem Engagement und kirchlicher Gemeinschaft konkrete Veränderung bewirken kann.

Autorin: Sabine Guddat

Projekt WoFA – Wohnraum Für Alle Standort Kempten

42

42 ist die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens – zumindest laut Douglas Adams in Per Anhalter durch die Galaxis. 7,5 Millionen Jahre Rechenzeit, ein großes Fest zur Enthüllung, und dann die Erkenntnis: Die Frage war falsch gestellt. Vielleicht ist es beim Thema Migration ähnlich?

Im Herbst 2024 hatten 42 % der Kemptener:innen einen Migrationshintergrund. Das heißt: Fast jede:r Zweite hat familiäre Wurzeln außerhalb Deutschlands. Manche kamen zum Arbeiten, andere zum Studieren, zum Heiraten oder weil sie fliehen mussten. Aus Nord- und Südamerika, Afrika, Asien, Australien – und natürlich Europa.

Diese 42 % leben nicht in einer Statistik, sondern in Kempten. Sie kaufen beim Bäcker ein, suchen bei über 30 Grad fluchend einen Parkplatz am Freibad (und später wieder), kennen Elster als Vogel und als Steuerprogramm, und atmen tief durch, wenn es im Mai noch mal schneit.

Vielleicht ist die Frage nach dem „Woher“ gar nicht die entscheidende. Vielleicht geht es mehr um das „Wie geht’s?“ – Hast du Arbeit, eine Wohnung, wie läuft’s in der Schule? Warst du beim Spiel vom FC Kempten? Kennst du den neuen Supermarkt?

42 ist eine Zahl mit Bedeutung. Aber sie ist nicht die Antwort auf alles. Sie ist ein Hinweis darauf, dass unsere Fragen sich verändern müssen – hin zu Teilhabe, Miteinander und dem ganz normalen Leben. Denn Heimat ist kein Ort, den man betritt oder verlässt. Sie entsteht dort, wo Menschen sich begegnen. Und vielleicht gibt es gar kein „Die da“ und „Wir hier“ – sondern nur Menschen, die unterschiedlich lange Teil dieser Stadt sind.

Besuchsbericht – WoFA Team

 Als WoFA-Team haben wir heute eine Klientin besucht, die in der Vergangenheit schwere häusliche Gewalt durch ihren Ehemann erlebt hat. In ihrer größten Not hat sie sich damals an uns gewandt und um Unterstützung gebeten.

Dank schneller und gemeinsamer Anstrengungen ist es uns gelungen, für sie und ihre Kinder eine sichere Lösung zu finden. Die Familie konnte ausziehen und im Landkreis ein neues Zuhause beginnen – frei von Angst und Gewalt.

Wir hatten der Mutter und den Kindern versprochen, sie nicht allein zu lassen, sondern sie auch nach ihrem Umzug zu besuchen. Heute haben wir dieses Versprechen eingelöst.

Der Besuch war sehr bewegend: Die Mutter erzählte uns offen von ihrem früheren Leben in Brasilien, wo sie als Model gearbeitet hatte. Trotz der schweren Erfahrungen, die sie später durchmachen musste, spürte man ihre Stärke und Hoffnung.

Die Kinder begegneten uns mit strahlenden Gesichtern – voller Lebensfreude und Energie. Es war ein Augenblick voller Dankbarkeit und Wärme. Für uns als Team war es ein eindrückliches Erlebnis, das uns erneut zeigte: Unsere Arbeit bedeutet mehr als Begleitung – sie schenkt Vertrauen, Hoffnung und einen neuen Anfang.

Autorin: Heba Abdullah

WoFA Traunstein

TraunsteinEin älterer Mann, der schon in Rente ist, lebt in seinem Haus in Traunreut. Bei ihm lebt sein frühberenteter Sohn. Im Haus gibt es noch eine leerstehende Wohnung, die die Tochter früher bewohnte. Die beiden Männer haben finanzielle Probleme und können den Strom nicht mehr bezahlen. Ein Mitarbeiter der Stadtwerke empfiehlt den beiden, sich an WoFA zu wenden. Dieser wurden durch die Zeitungsanzeige auf die Arbeit von WoFA aufmerksam. Durch die Vermietung der oberen Wohnung könnte der Hauseigentümer zusätzliche Einkünfte erzielen und so die Stromrechnung bezahlen.

Der ältere Mann ruft das WoFA-Team in Traunstein an und schildert seine Situation. Für eine Familie mit drei Kindern aus der Ukraine, deren jetzige Wohnung wegen Abriss des Hauses gekündigt wurde, könnte diese Wohnung interessant sein. Die Zeit drängt, die Familie möchten gerne in Traunreut bleiben, weil die Kinder hier zur Schule gehen. Eine Rückkehr in die Ukraine ist ausgeschlossen, da das ursprüngliche Wohnhaus zerstört ist.

Die erste Wohnungsbesichtigung findet, begleitet von einer Ehrenamtlichen und mir, statt.  Die Familie ist von der Wohnung begeistert. Es entwickelte sich ein sehr wohlwollendes Gespräch zwischen dem möglichen Vermieter, der Familie und der Ehrenamtlichen.

Die Familie ist handwerklich sehr geschickt und bietet gleich Hilfe für Garten und Haus an. Der Vermieter bemerkt positiv, bei drei Kindern würde wieder Leben ins Haus zurückkehren.

Die Tochter, die bereits in der Wohnung lebte, hat Wohnrecht dort und steht der Vermietung skeptisch gegenüber. Sie ist derzeit krank. Das WoFA-Team versucht ein Kennenlernen mit der Familie zu arrangieren.

Die Wohnungsbesichtigung war für mich ein Highlight, weil hier wieder zwei Parteien zusammenkommen, die von der WoFA-Arbeit profitieren könnten. Der Vermieter hätte eine zusätzliche Einnahme, Hilfe in Haus und Garten und wieder Leben im Haus. Die Familie hätte dauerhaften Wohnraum und könnte in ihrer gewohnten Umgebung bleiben.

In unserer Arbeit sehe ich als Herausforderung, besonders bei Vermietungen dieser Art, den „Mehrwert für Alle“ zu generieren. Dieser wäre hier gegeben.

Beate Knott

Begegnung in der Flüchtlingsunterkunft

UlmEin neuer Mietkurs steht an und wir vom WoFA-Team Neu-Ulm möchten möglichst viele Menschen mit diesem großartigen Angebot erreichen. Einige Anmeldungen gibt es bereits, aber wir hätten gerne mehr. Darum machen wir uns eine Woche vor dem Kursbeginn zu zweit auf den Weg in eine Geflüchtetenunterkunft der Regierung Schwaben in Neu-Ulm.

Für mich ist es das erste Mal, dass ich Geflüchteten in dieser Situation begegne. Etwas angespannt öffnen wir die Tür. Sie ist offen und ich merke, dass es mich befremdet, dass wir so einfach in eine Unterkunft eintreten können.

Auf mehreren Stockwerken wohnen immer mehrere Familien. Sie teilen sich jeweils die Küche und das Bad. In jedem Stockwerk riecht es nach Essen.

Im Erdgeschoss begegnen wir einer Frau aus Afghanistan. Sie spricht so gut wie kein Deutsch. Ihre etwa zehnjährige Tochter übersetzt unser Gespräch. Es ist sofort klar, dass die Frau nicht zum Mietkurs kommen kann, ihre Deutschkenntnisse sind zu gering. Sie freut sich trotzdem über den unverhofften Besuch und lädt uns zum Tee ein. Wir lehnen dankend ab, wir wollen noch andere Geflüchtete treffen.

Ein Stockwerk weiter oben treffen wir auf eine Frau aus Burundi und eine Familie aus dem Kongo. Kinder verstecken sich hinter ihren Müttern. Zum Teil kennen sie die Angebote von Lebenswert e.V. schon. Teilweise übersetzen die Kinder unser Gespräch. Die Sprachbarriere ist immer da und macht die Einladung, auch zu anderen Angeboten, schwierig. Immer wieder werden wir eingeladen, doch eine Tasse Tee zu trinken. Die Begegnung tut den Menschen gut. Sobald die ersten Vorbehalte abgebaut sind, freuen sich die Bewohner über die Gespräche.

Bei mehreren Personen können wir eine Einladung zum Mietkurs aussprechen. Einige müssen sprachlich noch dazulernen, um den Kurs gewinnbringend absolvieren zu können.

Eine Frau aus Usbekistan und ein Mann aus dem Sudan sind sehr interessiert. Man merkt, dass sie Schritte machen wollen, um in Deutschland anzukommen. Und ich freue mich, dass sie uns nach der kurzen Begegnung ihr Vertrauen entgegenbringen.

Ich bin irritiert, als wir auf eine Russlanddeutsche treffen, die schon zwei Jahre in der Unterkunft ist. Ihr fällt das Erlernen der deutschen Sprache sehr schwer. Ich überlege, wie sie mehr mit Einheimischen in Kontakt kommen könnte.

Nach knappen zwei Stunden haben wir mit Menschen aus sieben Nationen gesprochen und ich habe einen kleinen Einblick erhalten, wie der Alltag in einer solchen Unterkunft ist. Es wird viel Engagement brauchen, um den Menschen die Integration in Deutschland zu ermöglichen.

Wir sind sehr gespannt darauf, wer in die Mietkurse des Jahres 2025 kommen wird. Für unsere Arbeit ist es eine große Motivation, die engen und schwierigen Wohnverhältnisse zu sehen, in denen unsere Klienten von WoFA leben. Einmal mehr verstehe ich, dass Integration ein Zuhause braucht.